Aufschieberitis

Oder Prokrastination, wie der moderne Bildungsbürger heutzutage sagt.

Wobei es da schon einen Unterschied gibt. Während Aufschieberitis durch die Endung „-itis“ darauf hindeutet, dass es sich hier um eine Krankheit handelt, deren unschuldiges und hilfloses Opfer man ist, beschreibt Prokrastination eine Aktivität, die man im Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Kräfte freiwillig begeht.

Das klingt fast, als wäre es eine Straftat. In gewisser Weise ist es das auch, denn es kann ordentlich Schaden anrichten, wenn wichtige Dinge nicht getan werden. Allerdings hat das deutsche Rechtssystem kein Interesse daran, das zu ahnden.

Puh, zum Glück.

Sonst käme ich aus dem Knast nicht mehr raus. Denn natürlich mache ich mich der Prokrastination auch schuldig.

Ständig.

Es fällt mir fast nicht mehr auf.

OK, das ist übertrieben….

Aber kaum habe ich etwas Wichtiges zu tun, muss plötzlich die Wohnung geputzt werden. Und ich mag Putzen nicht sonderlich. Ich liebe Tätigkeiten, die einen Fortschritt aufweisen, wo das Erreichte erhalten bleibt. Wartungsarbeiten sind nicht so mein Ding.

Und natürlich falle ich auch den üblichen Zeitkillern zum Opfer. Oha, Opfer, das klingt schon wieder eher nach der Krankheit. Aber da kommen wir in den Grenzbereich. Die üblichen Zeitkiller sind sowas wie Handys und Fernseher. Und die haben Mittel und Methoden, einen möglichst lange zu fesseln (und damit zum Opfer zu machen), und das mit Absicht. Unser Gehirn wird beeinflusst, ob wir wollen oder nicht, durch die Ausschüttung von Dopamin zum Beispiel. Das passiert beim Handy Spielen und führt zu einer gewissen Abhängigkeit. Beim Fernseher ist es ähnlich. Der versetzt außerdem das Gehirn in Alphawellen, da sind wir dann besonders empfänglich für jeden Schmarrn und bleiben wie gebannt vor der Kiste hängen.

Bedenklich, oder? Schon ein bisschen.

Sich das ab und zu bewusst zu machen und Abstinenz zu üben kann einem eine völlig neue Lebensqualität schenken. Ich empfehle einfach mal, das auszuprobieren. Wer es nicht schafft, einen Tag lang auf den ganzen Flimmerkrempel zu verzichten, ist wahrscheinlich abhängiger, als er vorher dachte.

Und was die Aufschieberitis betrifft: Die ist ein Stück weit normal, und das andere Stück kann man in den Griff kriegen. Ich arbeite jedenfalls schon daran. Da sind wir wieder beim Thema Selbstdisziplin, zu dem ich auch schon was geschrieben habe.

Aber ich hab noch einen Tipp auf Lager.

Die Zeitkiller mit mehr Aufwand versehen, als das, was man eigentlich machen wollte.

Konkret heißt das: Wenn das Handy ausgeschaltet in der Schublade liegt und mein Laptop schreibbereit auf dem Sofa, habe ich mehr Aufwand, wenn ich an mein Handy will, als an mein Laptop. Das Laptop hat dank Internet-Datenmüllhalde noch ganz andere Tücken, aber tatsächlich denke ich erstmal ans Schreiben, wenn ich das Ding aufklappe. Das funktioniert natürlich auch für andere Sachen. Die Fernbedienung im Kühlschrank und die Sporttasche mitten im Flur. Das Tablet oben auf dem Kleiderschrank und das Französischbuch auf dem Lieblingsstuhl. Und so weiter, ihr versteht, was ich meine.

Allerdings muss man auch Willens sein, etwas verändern zu wollen.

Denn ganz ehrlich, wer sich den halben Tag lang Katzenvideos anschaut und das normal findet, dem kann ich wohl auch nicht mehr helfen.

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